Der Westen lässt die iranischen Frauen im Stich

Simon Widmer – February 19, 2020

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Weil sie den Kopftuchzwang missachtete, musste sie aus dem Iran fliehen. Heute verlangt die Oppositionelle Shaparak Shajarizadeh Unterstützung im Kampf gegen das Mullah-Regime.

«Viele Iranerinnen fühlen sich wie Geiseln in ihrem eigenen Land», sagt Shaparak Shajarizadeh in Genf. Olivier Vogelsang

Als Shaparak Shajarizadeh auf einer Strasse im iranischen Kashan ihr Kopftuch ablegte, fühlte sie sich frei und stark. Sie habe so ihre Würde zurückgewonnen, sagt sie bei einem Treffen in Genf. Für die Iranerin geht es beim Kopftuchzwang um mehr als um ein Stück Stoff. Er ist für sie ein Symbol dafür, wie das Mullah-Regime die Frauen systematisch unterdrückt. Sie spricht von den fehlenden politischen Rechten. Davon, dass Iranerinnen Angst vor Polizisten haben müssen, die Frauen willkürlich festnehmen.

Die 44-Jährige ist eine der bekanntesten Vorkämpferinnen der Anti-Kopftuchbewegung. Sie hat das Regime heraugefordert – und musste dafür einen hohen Preis bezahlen. Schon als sie noch im Iran lebte, war sie von der britischen Suffragetten-Bewegung fasziniert. Vor über hundert Jahren riskierten britische Frauen Kopf und Kragen in ihrem Kampf für die politische Gleichberechtigung.

«Ich bin keine Heldin»

Ihre Wut über die Regierung behielt sie lange für sich. Erst als Iranerinnen begannen, unter Hashtags wie #mystealthyfreedom und #whitewednesdays Fotos unverschleiert zu veröffentlichen, getraute sie sich, selber öffentlich zu protestieren. Sie nahm mehrmals an belebten Strassen das Kopftuch ab und hing es an einen Stock als Fahne auf. Eines der Fotos ging viral.

Für den Gottesstaat waren die dunkelblonden Haare Shajarizadehs eine Provokation. Sie habe damit gerechnet, dass die Regierung eingreifen würde. Aber dass es so schlimm würde, hätte sie nie gedacht.

Nach ihrer ersten Festnahme wurde die Iranerin drei Stunden lang verhört. Sie hätte zugeben sollen, eine Spionin zu sein. Die Wärter bezeichneten sie als Schlampe. Vor einer Gruppe von Wärterinnen musste sie sich nackt ausziehen. Mehrmals wurde sie verprügelt. Ihr Mann und ihr Sohn wussten nicht, was mit ihr geschah. Sie trat in den Hungerstreik, wurde nach sieben Tagen freigelassen.

Es folgten zwei weitere Festnahmen. Zuletzt liessen die Schergen ihren Sohn stundenlang zusehen, wie sie befragt wurde. Als sie davon erzählt, ist die Iranerin zurückhaltend, fast scheu. Sie berichtet von schlaflosen Nächten und von Panikattacken. «Ich bin keine Heldin. Ich hatte eine unglaubliche Angst», sagt sie.

Im Gefängnis hat die Oppositionelle realisiert, dass der Iran kein Rechtsstaat ist. Dass das Regime alles mit ihr machen könne. Sie beschloss, zu fliehen. Gemeinsam mit einem Schlepper fuhr sie in Richtung Türkei. Das letzte Stück marschierten die beiden abends mehrere Stunden lang zu Fuss. Ihr Mann und ihr Sohn blieben zunächst zurück.

Von westlichen Politikerinnen betrogen

In Abwesenheit wurde sie im Iran wurde sie zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, davon 18 Jahre auf Bewährung. Später wurde auch ihre Anwältin Nasrin Sotudeh schuldig gesprochen: Die bekannte Menschenrechtlerin wurde zu 33 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt, unter anderem wegen angeblicher Verschwörung gegen die nationale Sicherheit. «Im Iran gibt es vor den Gerichten keine Gerechtigkeit. Und in den Gefängnissen keine Menschlichkeit», sagt Shajarizadeh.

Nach ihrer Flucht in die Türkei bat sie in Kanada um politisches Asyl. Zurzeit lebt sie, wieder vereint mit Sohn und Ehemann, in Toronto. Aus dem kanadischen Exil kämpft sie weiter gegen das Regime – und fühlt sich dabei im Stich gelassen. Als die Regierung im vergangenen November ungefähr 1500 Protestierende töten liessen, habe das die internationale Gemeinschaft kaum interessiert, sagt sie.

Auch stört sie sich daran, dass westliche Politikerinnen im Iran ein Kopftuch tragen. Damit würden sie ein kriminelles Regime legitimieren. «Ich fühle mich jedesmal betrogen», sagt sie. Sie erwähnt einen Auftritt der damaligen EU-Aussenbeauftragten Federica Mogherini. Diese posierte 2017 mit iranischen Parlamentariern in Teheran für Selfies. «Das ist nicht akzeptabel.» Auch die damalige Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey trug bei ihrem Teheran-Besuch 2008 einen Kopfschleier.

«Nicht akzeptabel»: Federica Mogherini im iranischen Parlament.
Micheline Calmy-Rey 2008 in Teheran

Shajarizadeh hat kein Problem damit, wenn Frauen freiwillig das Kopftuch tragen. Sie spricht sich auch nicht für ein Verhüllungsverbot aus, über das in diesem Jahr in der Schweiz abgestimmt wird. In der Diskussion würden aber diejenigen Frauen ignoriert, die unter dem Kopftuchzwang leiden. «Viele Iranerinnen fühlen sich wie Geiseln in ihrem eigenen Land». Es stört sie, dass westliche Politiker die Situation der iranischen Frauen meist ignorieren.

Die Wahlen, eine Charade

In den vergangenen Monaten hat sich die Lage im Iran verschlechtert. Nachdem US-Präsident Donald Trump den General Qassim Soleimani töten liess, schoss der Iran aufgrund eines Fehlers ein ukrainisches Passagierflugzeug ab. Noch heute weigert sich das Regime, den Flugzeugschreiber herzugeben. Die vergangenen Monate haben gezeigt, wie schamlos das iranische Regime lüge, sagt Shajarizadeh. «Die Bevölkerung ist völlig desillusioniert», sagt sie.

Daran würden auch die Parlamentswahlen am Freitag nichts ändern. Der Wächterrat hat die meisten Reformkandidaten ausgeschlossen. Den Menschen bleibe nur noch eine Möglichkeit, um zu protestieren: Am Wahltag zuhause zu bleiben. Ende 2018 zeigte sich die Oppositionelle gegenüber der BBC noch optimistisch über die Zukunft im Iran. Sie sprach von der Frauenbewegung als ein «Feuer», welches das Regime nicht mehr auslöschen könne. Heute ist davon nur mehr wenig zu spüren. «Die westlichen Staaten unterstützen das iranische Regime und lassen die Bevölkerung im Stich. Wenn sich das nicht ändert, sind wir verloren.»