Wir Iranerinnen sind starke Frauen

Guido Felder – February 19, 2020

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Weg mit dem diskriminierenden Kopftuch! Shaparak Shajarizadeh wagte in Teheran den Aufstand und wurde dafür brutal verhaftet. BLICK sprach mit ihr in Genf über den Protest, die Situation der Frauen im Iran und die Schweizer Abstimmung über ein Verhüllungsverbot.

Shaparak Shajarizadeh wählte die Freiheit. Heute lebt die Iranerin mit ihrer Familie in Kanada.

Ein weisses Kopftuch an einem Stock: Shaparak Shajarizadeh (44) musste für ihren Protest in Teheran bitter büssen. Sie wurde brutal verhaftet und zu insgesamt 20 Jahren Gefängnis verurteilt. BLICK traf die mutige Iranerin, die heute in Kanada lebt und für die Rechte ihrer Landsleute kämpft, in Genf zum Interview.

BLICK: Obwohl Sie wussten, was passieren würde, haben Sie auf offener Strasse in Teheran Ihr Tuch vom Kopf gerissen und demonstriert. Warum?

Shaparak Shajarizadeh: Ja, ich wusste, dass es Probleme geben würde. Mein Mann und meine Eltern versuchten noch, mich zu stoppen. Ich hätte aber nie gedacht, dass man mich so brutal behandeln würde.

Warum war es für Sie so wichtig, im Iran zu demonstrieren?
Ich konnte nicht anders. Die Unterdrückung ist dermassen gross. Jahre zuvor schon hatte ich viel über Protest gelesen. Aber erst als die Bewegung Weisser Mittwoch gegründet wurde, getrauten wir uns, gemeinsam auf die Strasse zu gehen.

Was war das Brutalste, was Sie erlebt haben?
Dass nach der Verhaftung niemand da war, der mir helfen konnte. Sie haben mich auch geschlagen. Sie schreckten vor nichts zurück.

Flucht nach Kanada

Die 44-jährige Shaparak Shajarizadeh ist 2018 in der iranischen Hauptstadt Teheran «wegen Anstiftung zur Prostitution» zu zwei Jahren Gefängnis unbedingt und 18 weiteren Jahren bedingt verurteilt worden, weil sie auf der Strasse gegen den Kopftuchzwang protestierte und ihre rotblonde Mähne zeigte. BBC ernannte sie damals zu einer der 100 einflussreichsten Frauen der Welt.

Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrem elfjährigen Sohn Barbad in Kanada, wo sie Geschichte studiert und sich auch in Menschenrechten und Internationalen Beziehungen weiterbilden will. Shaparak Shajarizadeh kämpft an vorderster Front in den Bewegungen Girls of Revolution Street und Weisser Mittwoch für Frauenrechte im Iran. Für ihr Engagement wurde sie gestern am Geneva Summit for Human Rights and Democracy mit dem Frauenrechts-Preis ausgezeichnet.

Sie sind zu zwei Jahren Gefängnis unbedingt und weiteren 18 Jahren bedingt verurteilt worden. Warum waren Sie nach nur neun Tagen wieder frei?
Ich trat in den Hungerstreik und verweigerte auch Wasser. Weil ich in einer Touristenregion inhaftiert war, schlug das hohe Wellen. Sie hatten Angst, dass ich sterben würde, wollten mich daher einfach loshaben und liessen mich laufen.

Wie haben Sie das Land verlassen können?
Schlepper haben mir geholfen. Wir fuhren an die Grenze, dann ging es zu Fuss weiter. 

Hat sich im Land etwas verändert, nachdem Trump den iranischen Terrorgeneral Qassem Soleimani getötet und der Iran ein ukrainisches Passagierflugzeug abgeschossen hatte?
Oh ja! Vor allem nach dem Abschuss der Maschine hat sich vieles geändert. Das Volk erkannte, wie schamlos die religiösen Führer sind und wie sie lügen. Es hat das Volk zusammengeschweisst.

Wie schätzen Sie die Iranerinnen ein?
Die meisten Frauen sind gut gebildet, auch in kleinen Orten. Frauen wissen, dass sie Rechte haben und dass man sie ihnen weggenommen hat. Wir Iranerinnen sind starke Frauen.

Am Freitag sind im Iran Wahlen. Wird sich etwas ändern?
Nein. Die meisten Leute werden nicht wählen gehen. Die Führer sorgen schon dafür, dass sie an der Macht bleiben. Viele Personen werden gar nicht zur Wahl zugelassen. Die Regierung ist zu allem fähig, sie würde alle Iraner töten.

Was glauben Sie: Werden Sie jemals einen offenen und freien Iran erleben?
Nur, wenn auch die europäischen Staaten Druck aufsetzen und die Geschäfte mit dem Iran abbrechen. Das iranische Volk protestiert zwar, aber es braucht Unterstützung von aussen. Wenn nicht, sehe ich schwarz.

Reza Pahlavi, der in den USA lebende Sohn des vertriebenen Schahs von Persien, gilt immer noch als Thronfolger. Soll er zurückkehren?
Das wäre sicher eine der Möglichkeiten für einen Wandel.

Dieses Jahr stimmt die Schweiz über das Verhüllungsverbot ab. Wie würden Sie abstimmen?
Wir Musliminnen wissen, was Verhüllung bedeutet: Wir betrachten es als ein Zeichen von Sexismus, von Diskriminierung. Wenn aber eine Frau den Schleier selber wählt, respektiere ich das. Ich würde daher wohl eher Nein stimmen. Bei Minderjährigen aber ist eine Verhüllung immer Zwang, bei Kindern bin ich klar für ein Verbot.

Was ist Ihr grösster Wunsch?
Ein freies, demokratisches, säkularisiertes Land für meine Landsleute. Dann würde ich wieder zurückkehren.

Würden Sie nach Ihren schlimmen Erfahrungen wieder ohne Kopftuch demonstrieren?
Keine Frage, ich würde es wieder tun.